Konservativ: Zeitgemäß und anpassungsfähig

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Es ist das, was alle CDU-Mitglieder im Herzen eint. Dabei weiß keiner so genau, was das Wort konkret umschreibt: Konservativ. In den letzten Monaten bin ich mehrfach in der Partei mit dem Begriff konfrontiert worden. Der Zusammenhang war immer wieder ein anderer, die Deutungen entsprechend verschieden. Das weckte mein Interesse, mehr über das Wort zu erfahren, das wohl neben der sozialen Marktwirtschaft und dem großen „C“ den Markenkern der CDU ausmacht.

Von Julia Bruns

Conservare = lat. für erhalten, bewahren

Wer hätte gedacht, dass das Wort „konservativ“ ein Kind der Revolution ist? Zum ersten Mal taucht der Begriff  in Frankreich auf. Konservative wollten die politischen Stimmungen und Gedanken, die freiheitlichen Errungenschaften der Französischen Revolution bewahren und Tendenzen zur Konterrevolution abwehren. (vgl. Otfried Höffe, „Was heisst heute konservativ?“, Neue Zürcher Zeitung vom 28.05.2018)  Das Konservative stand damit gegen den Absolutismus.

„Veränderungen verzögern, bis sie harmlos geworden sind“

Lord Salisbury,  der große britische Premierminister des späten 19. Jahrhunderts, bringt es Jahre später auf den Punkt: Konservative machen zwar keine Politik, die dem Zeitgeist vorauseilt – sehr wohl jedoch Politik, die die Realität begreift, sie akzeptiert und sich dem Wandel anpasst.

Einer der bekanntesten deutschen Historiker, Dr. Andreas Rödder, steckt im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ab, wo das Konservative endet und wo das Traditionalistische und Reaktionäre beginnen:

„Konservativ ist etwas anderes als traditionalistisch oder reaktionär. In Deutschland herrscht eine ziemliche Begriffsverwirrung. Der Konservative weiß, dass der allgemeine Wandel nicht zu verhindern ist. Er will diesen Wandel gestalten. Der Traditionalist wünscht, dass alles so bleibt, wie es ist. Und der Reaktionär möchte das Rad zurückdrehen.“
(vgl. Andreas Rödder, „Konservativ: Was ist das?“, FAZ vom 04.05.2018)

Laut Rödder verteidigt der Konservative heute, was er gestern bekämpft hat, zum Beispiel die Demokratie.

„Das ist das konservative Paradox. Im selben Moment liegt darin aber auch der Kern von konservativer Menschenfreundlichkeit. Das Bewusstsein, dass das, was wir heute für richtig halten, morgen als falsch gelten kann, schützt Konservative vor rigorosem Dogmatismus.“ (vgl. Rödder, 2018)

Dass bei konservativer Politik in Deutschland fälschlicherweise an Stillstand, Reformunwilligkeit und zähes Festhalten an Überholtem gedacht wird, verdeutlicht Otfried Höffe in der NZZ. In „Was heisst heute konservativ?“ betont der Autor deshalb die Notwendigkeit, das Konservative vom Traditionalismus abzugrenzen.

„Der Traditionalist bejaht die bestehende Ordnung, gleich um welche Ordnung es sich handelt. Er hat Angst vor Neuerungen, hält das Bestehende für grundsätzlich besser und fühlt sich verpflichtet, gegen alle Veränderungen die Tradition als haltende Macht durchzusetzen.“ (vgl. Höffe, 2018)

Konservativ – das beinhaltet laut Professor Rödder (vgl. Rödder, „Wertedebatte: Konservative sind die wahren Gestalter“, Cicero vom 28. April 2012) drei Eckpfeiler:
Erstens, ist konservative Politik pragmatisch, weil sie anstatt auf Radikallösungen, die auf politischen Theorien und Ideologien beruhen, auf unsere alltäglichen Erfahrungen in der konkreten Realität fußt.
Zweitens, geht konservative Politik im Gegensatz zum Grundverständnis der Sozialdemokraten davon aus, dass jeder Mensch selbstständig handelt und der Staat nur dann regulierend eingreifen soll, wenn die solidarische Unterstützung durch die Gemeinschaft unerlässlich wird.
Und drittens ermöglicht konservative Politik diese Freiheit der Entscheidung eines jeden einzelnen, indem sie gleichberechtigt Möglichkeiten schafft, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Konservativ ist vieles – nur nicht spießig

Ob der Berliner Kreis oder die WerteUnion –  Anhänger dieser Strömungen haben mindestens zwei Dinge gemeinsam: Sie kritisieren die Politik Angela Merkels und sie beanspruchen für sich, konservative Werte zu vertreten. Dabei verwechseln einige „konservativ“ gerne mit „reaktionär“ und „traditionalistisch“.

Auch im CDU-Stadtverband Wernigerode ist wiederholt der Wunsch nach einer Rückbesinnung auf „konservative Werte“ geäußert worden. Teils schwingt eine Sehnsucht nach einem gestrigen Familienbild, nach einer verklärten Form von Heimatliebe und einer starken Betonung der eigenen Herkunft in Abgrenzung zu Andersartigem mit.

Oft ist der Kern des Gedankens nicht konservativ – meinem Empfinden nach ist er vielmehr spießbürgerlich. Echte Konservative sind aber weder Spießer noch Fortschrittsverweigerer. Die Wahrheit liegt bei Maß und Mitte. Konservative sind im besten Sinne zeitgemäß: Sie halten Schritt mit der Realität – eilen weder ihrer Zeit voraus, noch verschlafen sie die Zeichen der Zeit. Die Ehe für alle, der Ausbau der Kinderbetreuung sind die besten Belege für solide konservative Politik, die sich den Zeichen der Zeit anpasst.

Abwägen zum Wohle der Stadt

In Wernigerode hat sich die konservative Lokalpolitik der CDU in der Vergangenheit eben dadurch ausgezeichnet, dass Entscheidungen vor allem auf Basis von Gesetzen, Fakten und Zahlen (wie zuletzt beim Haushalt, bei der Gewerbe- und Grundsteuerdebatte, bei der Kulturkirche) und nach sorgfältigem Abwägen gefällt wurden. Die CDU setzt im Gegensatz zu Linke, SPD und Grünen bewusst einen Akzent in der politischen Landschaft Wernigerodes, indem sie sich nicht in extremen Forderungen verrennt oder mit wahnwitzigen Projekten vorprescht, sondern mit Augenmaß die realistisch möglichen Optionen gegeneinander abwägt. Dass dabei nicht immer ein Konsens innerhalb der Stadtratsfraktion erzwungen wird, spricht für die Streitbarkeit der Wernigeröder CDU und ist gleichsam Ausdruck ihrer facettenreichen Mitgliederstruktur, die für Unternehmer, für Familien, für Selbstständige, für Angestellte und eben für jene steht, die auf die Unterstützung der Gesellschaft angewiesen sind.

Exakt dieses bewusste Abwägen zeichnet Konservative aus: Sie gestalten so, dass die Menschen mitkommen. Ob Patchworkfamilien, die berufliche Gleichstellung von Mann und Frau oder die Ehe für alle – diese Dinge gehören aus gutem Grund zu konservativer Politik. Denn konservativ ist keine in Stein gemeißelte Geisteshaltung. Es ist eine Form der Anpassungsfähigkeit, die das Bewährte erhalten will, ohne sich dem Neuen zu verschließen.

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2 Kommentare zu „Konservativ: Zeitgemäß und anpassungsfähig

    Thomas Schatz sagte:
    7. Juni 2018 um 10:25

    Verrutschte Perspektive? Der behauptete Transfer des ideengeschichtlichtlichen Resonanzbodens des Konservatismus in die kommunalpolitischen Praxis der CDU ist sicher kein Zustandsbeschreibung, sondern trägt den appellativen Charakter eines „wie schön könnte es doch sein“.

      Julia Bruns sagte:
      7. Juni 2018 um 13:39

      Diverse konkret benannte Diskurse aus der kommunalpolitischen Sphäre (wie zur Grundsteuer, zum Haushalt, zur Kulturkirche) belegen, dass die CDU-Fraktion erstens differenziert und zweitens im besten Sinne konservativ gehandelt hat. Ein allzu vorhersagbares Querulantentum wie bei der Linke-Fraktion sucht man hier vergebens.

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